Liebe Barbara, du bist die Gründerin und Leiterin des Buchstabenmuseums in Berlin. Nach 20 Jahren muss das Museum nun leider im Oktober seine Türen schließen. Was war die Idee hinter dem Museum, und wie ist es damals zur Gründung gekommen?

Unser Museum ist in erster Linie aus meiner Leidenschaft für Buchstaben und Beschriftungen aus dem öffentlichen Raum entstanden. Schon als Kind habe ich die leuchtenden Neonschilder auf den Dächern Wiens bewundert und diese zogen mich förmlich an, und so habe ich angefangen, diese typografischen Objekte zu sammeln. Als ich Mitte der 1990er Jahre nach Berlin kam, habe ich das Potenzial der Stadtschriften aus der ehemaligen DDR-Ära sowie der BRD-Nachkriegszeit erkannt, denn diese zweigeteilte, unterschiedliche Entwicklung hat das damalige Stadtbild Berlins stark geprägt. Nach der Wiedervereinigung schlich sich dann eine Art urbane Synchronisierung ein. Daher mussten wir schnell handeln und starten unser Projekt – denn was einmal aus dem Stadtbild verschwunden ist, ist für immer verloren.
Im ersten Schritt ging es uns damals vor allem um die Rettung und Sicherung der Objekte, und im Laufe der Zeit erkannten wir, dass diese Zeichen auch emotionale und stadthistorische Geschichten erzählen. 

Was macht die Sammlung des Buchstabenmuseums besonders, und welche Herausforderungen hast du in deiner Rolle als ehrenamtliche Leiterin erlebt?

Als wir das Museum gegründet haben, gab es weltweit keine vergleichbaren Projekte oder Sammlungen, die sich auf haptisch gebaute, anfassbare Buchstaben spezialisiert haben. Bis heute können sich viele nicht vorstellen, was unser Museum tatsächlich sammelt, obwohl der Name ja eindeutig ist. Schrift, Buchstaben oder Zeichen sind quasi das Vehikel zum Transport von Sprache und Wissen – eine Codierung, die gelernt werden muss. Im Umkehrschluss entspricht es für uns z.B. den chinesischen Schriftzeichen. Wenn wir diese nicht »lesen« können, nützen sie uns wenig. Jedoch können wir uns so auf die Form konzentrieren, auf die ausgewogene Strichführung oder die eleganten Schwünge.

Meine Leidenschaft gilt unserer Sammlung, aber als Leitung eines Museums müssen vor allem die administrativen wie kommunikativen Arbeiten erledigt werden. Diese sind kontinuierlich gestiegen, sodass wir nun an einen Punkt gekommen sind, wo ein solch umfangreiches Projekt ehrenamtlich nicht mehr gestemmt werden kann.

Wie kam es zur Schließung? Und wie schaust du an diesem Punkt auf die Kultur- und Museumslandschaft Berlins – was würdest du dir wünschen?

Nach 20 Jahren sind wir an einem Punkt angekommen, an dem sich unser Museum ohne planbare Finanzierung nicht mehr betreiben lässt. Unsere finanzielle Situation war bereits seit Corona sehr angespannt. Hinzu kamen steigende Kosten und Ausgaben, gepaart mit sinkenden Besucherzahlen. Die Lücke, die dadurch entstand, konnten wir anders nicht füllen. Die beantragten Förderanträge wurden für das Jahr 2025 alle abgelehnt und wir müssen hohe Corona-Hilfen zurückzahlen. Somit bleibt uns nichts anderes übrig, als diesen Schritt zu gehen und das Museum zu schließen. 

Es ist bedauerlich, dass in den letzten Jahren so viele kulturelle Einrichtungen schließen mussten. Das könnte für Berlin gefährlich werden, da diese Mischung von speziellem Angebot und experimentellen Projekten besonders viele Menschen anzieht. Werden diese Projekte an den Stadtrand oder ganz verdrängt, bleibt nicht viel Einzigartiges. Berlin wird austauschbar und langweilig, bleibt aber dreckig und laut.
Ich wünschte mir, dass die Stadt und Politik erkennen, was genau Berlin ausmacht, denn ich empfinde die aktuelle politische Rückwärtsbewegung als sehr gefährlich. 

In unserem Newsletter stellen wir regelmäßig Berliner Museumsmacher*innen vor. Dieses Interview mit Barbara Dechant erschien in unserem August-Newsletter.