Den vorliegenden Text verfasste Dr. Friederike Landau-Donnelly im Anschluss an den Workshop „Konflikte verstehen – Resilienz stärken“, den sie am 29.09.2025 im Friedrichshain-Kreuzberg Museum durchgeführt hat. 

Poetisches Intro: Konfliktwald

Der Wald der Konflikte ist voller Bäume.
Oder: Konflikte sind wie ein Wald mit lauter Bäumen.
Oder: Museen sind wie Bäume, die in einem gesellschaftspolitischen Wald voller Konflikte stehen.
Wie schlagen sich nun Museen durch dieses konfliktuelle Dickicht? Wo liegen die Wurzeln von Konflikten, woran und wann entzünden sich diese wertevollen Wurzeln? Was (und wer) nährt Konflikte? Gibt es eine nachhaltige Fürsorge für Konflikte, die nie verschwinden werden?

Einleitung: Konflikte navigieren

Das Museum erlebt eine Vielzahl von Konflikten: Über Objekte, deren Anwesenheit im Museumsraum umstritten ist, über Förderung für die Realisierung von Ausstellungen und Programm, über Grade von Internationalität, Mehrsprachigkeit, Barrierefreiheit oder das Fehlen hiervon, über Eintrittspreise, öffentliche Toiletten, Öffnungszeiten. Hier „dem“ Museum stecken jedoch bekanntlich verschiedene Personen und Positionen, die das Museum gemeinsam zu dem Ort machen, den Besucher*innen erleben können. Entsprechend meine ich mit “dem Museum“ im weiteren Text stets eine konfliktuelle Mehrzahl an Stimmen, Meinungen, Kapazitäten und Zugängen.

Konflikte in und über das Museum werden unterschiedlich wahrgenommen bzw. durch unterschiedliche Zugänge zu Entscheidungen, Macht und Privilegien bedingt. Konflikte fühlen sich je nach Position unterschiedlich an. Für Museumsmenschen, ob nun auf Leitungsebene, als zeitlich angestellte Kurator*in oder Vermittler*in oder auch Sicherheits- und technisches Personal, sind Konflikte im Museum präsent: Wie verhält sich das Museum in seiner Heterogenität, wenn es Nutzungskonflikte um Museumsraum, Sammlung, Archiv/Depot gibt? Wie verhält sich das Museum zur (g)lokalen Nachbarschaft? Was tut das Museum, wenn Einschränkungen und Angriffe auf Kunst- und Meinungsfreiheit das Museum zum politischen Ort machen? Inwiefern präsentiert sich das Museum selbst als Ort gesellschaftspolitischer Diskussion und Kontroverse?

Die Konfliktuelle Konsens Matrix [KoKoMax]

Um mit den vielfältigen Konflikten, die kulturelle Institutionen wie Museen betreffen, konstruktiv und resilient umgehen zu können, habe ich die sogenannte Konfliktuelle Konsens Matrix [KoKoMax] entwickelt. Die Matrix soll eine Orientierung schaffen, wie Konflikte im oben angesprochenen „Dickicht“ zwischen Ressourcen und Werten navigiert werden können. In Kürze: Die KoKoMax bietet ein analytisches Werkzeug, um Konflikte verschiedenster Art zu identifizieren, zu benennen und teils strategisch auseinander halten zu können. Hierzu führe ich die Begriffe Ressourcenkonflikte (z. B. um und über Raum, Zeit, Geld und Menschen/Personal) und Wertekonflikte (z. B. über Identität, Repräsentation, Geschichte, Gerechtigkeit) ein. Für Museumsakteur*innen soll die KoKoMax eine kommunikative Unterstützung sein, um sprachfähig(er) über Konflikte zu werden oder Konflikte besser besprechen und sehen zu können. Die KoKoMax kann bei folgenden Fragen Hilfestellung leisten:

  • Über was genau besteht ein Konflikt (z.B. eine oder mehrere Ressourcen)?
  • Empfinden alle Konfliktbeteiligten den Konflikt überhaupt als Konflikt?
  • Welche Werte werden durch „unseren“ Konflikt berührt bzw. verletzt?
  • Welche knappen Ressourcen schaffen Konflikte, die auch Wertedifferenzen zum Vorschein bringen können?
  • In welchem Verhältnis stehen Werte- und Ressourcenkonflikte? Kann die eine Konfliktsorte gelindert werden während die andere Konfliktart schmerzhaft bleibt?

Die Konfliktuelle Konsens Matrix versucht also, die wechselseitigen Verbindungen zwischen konkreten, identifizierbaren und eher abstrakten, impliziten Konflikten greifbar zu machen. Die Matrix bietet einen Ansatz, transparenter über verschiedene Konflikte ins Gespräch zu kommen. Der “Lebenszyklus” von Konflikten ist dabei nie linear oder völlig rund, sondern “eiert” zwischen verschiedenen Erscheinungsformen von Ressourcen und Werte hin und her. Da die Zugänge und Bezüge zu Konflikten historisch, körperlich, räumlich und kognitiv nicht gleichmäßig verteilt sind, ist es wichtig, macht- und diversitätssensibel über diese ungleichen Handlungsspielräume in und um Konflikte nachzudenken.

Konfliktuelle Konsens Matrix [KoKoMax]

Die folgenden Szenarien sind beispielhaft und sollen zum besseren Verständnis der KoKoMax primäre Konfliktlinien illustrieren, wobei auch andere Ressourcen und/oder Werte durchaus relevant sein können.

Alle Abbildungen sind von Alexandra Papademetriou gestaltet.

Szenario 1: Die Kürzung öffentlicher Mittel aufgrund von Sparmaßnahmen (Ressourcen: Geld, Raum) eines diasporisch geführten Projektraums führt zur Diskussion über gruppenspezifische Kulturangebote, deren Priorisierung und Marginalisierung (Werte: Gerechtigkeit, Identität). 

Szenario 2: Eine vom europäischen imperialistischen Kolonialismus in Afrika geprägte Herkunftsgemeinschaft (Werte: Identität, Handlungsfähigkeit, Geschichte) fordert die Rückgabe gestohlener Objekte (Ressourcen: Geld, Menschen).

Szenario 3: Die Öffnungszeiten eines Museums werden aufgrund von Personalmangel (Ressourcen: Menschen, Zeit) eingeschränkt, was die Frage aufwirft, für wen das Museum eigentlich zugänglich ist (Werte: Identität, Handlungsfähigkeit).

Die Konfliktuelle Konsens Matrix [KoKoMax]

Museumsangestellte treffen alltäglich auf Konflikte: Zum Beispiel, wenn wohnungslose Menschen das Museumsfoyer zum Aufwärmen, zum Handy aufladen oder schlafen benutzen möchten, oder bei kuratorischen Konflikten, wie potenziell kontroverse oder misszuverstehende künstlerische Inhalte gezeigt und kontextualisiert werden können. Weiters können Konflikte auf sozialen Medien entstehen, die zeitlich sensibel sind und sich in Form der Moderation von kontroversen Kommentaren ausdrückt (oder das Unterlassen von Moderation). Im Hinblick auf Ausstellungsplanung mit Kurator*innen und Künstler*innen aus dem Ausland können jeweils unterschiedliche Verständnisse von künstlerischer Freiheit oder Begriffen wie Zensur oder Antisemitismus zum Vorschein kommen. Die KoKoMax kann bei umstrittener Ressourcenverteilung zwischen Dauer- und temporären Ausstellungen eine Diskussionsgrundlage darstellen, um zu identifizieren, welche und wie viele Ressourcen für welche Art der Ausstellung zur Verfügung gestellt werden. Im Museumskontext tritt bei Ressourcenkonflikten noch die konkrete Problematik von Objekten auf – welche Objekte werden ausgestellt, exponiert, restauriert – und welche nicht? Fehlt es an Zeit oder Raum, umstrittene Objekte zu zeigen, zurückzugeben, oder liegen wertebasierte Annahmen und Gefühle zugrunde (z.B. politischer Wille, Skepsis, Stolz, Scham etc.)? Und um welche Werte geht es dabei – Wiedergutmachung, Entschuldigung, das Anerkennen von historischem Unrecht und epistemischer Gewalt? Eine Einordnung, welche Facette eines Konflikts vorrangig ist, kann helfen, einen Konflikt in den Griff zu bekommen.

Ausblick

Es wird deutlich, dass Museen Schauplätze und Austragungsorte impliziter als auch expliziter Wertvorstellungen von konstruierten Normalitäten sind, die gegebenenfalls selektiv und problematisch sind (z.B. eurozentrische oder (neo)koloniale Vorstellungen) und sich Konflikte impliziterer Art oft an expliziten Ressourcen entzünden. Der Eingangspunkt eines Konflikts spielt also eine wichtige Rolle: Konfliktdynamiken sind anders aufgehängt, wenn Streit sich zunächst über Ressourcen wie Zeit, Raum oder Geld entzündet, und dann tiefersitzende Differenzen wie zum Beispiel Zugehörigkeit oder Gerechtigkeitsempfinden an die Oberfläche kommen. 

Die konfliktorientierte Perspektive der KoKoMax kann Fragen für die Zukunft von Museen für Museumsangestellte aus verschiedenen Abteilungen aufwerfen:

  • Wie kann eine konfliktumarmende Ausstellungspraxis aussehen?
  • Wie können Konflikte auf eine Art und Weise räumlich sowie digital kuratiert werden, und gleichzeitig das Recht und den Respekt für die Freiheit und Gleichheit bzw. Gleichwertigkeit aller zu bewahren?
  • Wie können und wollen wir Konflikte innerhalb des Teams, aber auch mit diversen Communities und Objekten ausstellen (z.B. Stichworte Transparenz, zugängliches Archiv/Depot, multimediale Kontextualisierung von Sammlungen)?

Bei diesen Fragen kann die KoKoMax Gesprächsanlässe bieten, um „das Museum“ als offenen Trainingsraum für Konfliktfähigkeit und -kompetenz gesellschaftlich relevant und resilient zu machen.  

Poetisches Outro: Konflikte [ver]sprechen

Konflikte besprechen
Konflikten entsprechen
Konflikte versprechen
Konflikte aussprechen
Konflikte einsprechen
Konflikten die Konflikthaftigkeit absprechen
Konflikte brechen
Konflikte schwächen

Weiterführende Materialien

Eine weitere Inspiration zur Besprechung von Konflikten und Unterschieden kann das sogenannte Rad der Macht und Privilegien leisten

Zum Impulspapier „Kulturpolitik des Konflikts“ von Friederike Landau-Donnelly, herausgegeben von der Friederich-Ebert-Stiftung 

Zur Autorin

Dr. Friederike Landau-Donnelly (*1989, sie/they) ist intersektionale Politikwissenschaftlerin, Stadtsoziologin und Kulturgeografin. Sie ist derzeit Gastprofessorin für Sozial- und Kulturgeographie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Weiterhin arbeitet sie an einer Monografie über konfliktuelle Museen in Kanada und Indien. Friederike schreibt über künstlerischen und affektiven Aktivismus, Raumtheorie, Kunst im öffentlichen Raum und umstrittene Kulturpolitik. Dr. Landau-Donnelly ist Mitherausgeberin des Handbuchs Kulturpolitik (2024), Konfliktuelle Kulturpolitik (2023) und [Un]Grounding – Post-Foundational Geographies (2021) sowie Autorin von Agonistic Articulations in the „Creative” City – On New Actors and Activism in Berlin’s Cultural Politics (2019) und veröffentlicht Gedichte unter #PoeticAcademic.