Das Interview mit Dr. Veronika Springmann, Museumsleitung Sportmuseum Berlin, führte Anne Haun-Efremides am 10. Dezember 2025.

Ende 2026 soll das Sportmuseum auf dem Maifeld eröffnen. Derzeit sind Sie dabei, einen Code of Conduct für das sich im Aufbau befindliche Museum zu entwickeln. Welche Bedeutung hat er für Sie im Museumsalltag?

Für unseren bereits im letzten Jahr wiedereröffneten zweiten Standort Grünau haben wir eine Besucher*innenordnung formuliert, um deutlich zu zeigen, dass ein verfassungsfeindliches und diskriminierendes Verhalten im Museum weder erwünscht noch geduldet ist. Das ist nicht nur für unsere Mitarbeiter*innen wichtig, sondern auch für die anderen Besucher*innen. Derzeit sind wir dabei, einen Code of Conduct für die Vermittlungsarbeit zu entwickeln. Es geht darum, festzulegen, wie Vermittler*innen und Teilnehmer*innen in den gemeinsamen Stunden miteinander umgehen und in einem Konfliktfall zu einer Lösung kommen können.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen eine Code of Conduct für Ihr Haus zu entwickeln?

Es hat viel damit zu tun, dass wir ein Sportmuseum sind. Allen Sportspielen liegen Regeln zu Grunde, damit überhaupt ein Spiel stattfinden kann. In der künftigen Dauerausstellung wird es deswegen auch ein Cluster geben, in dem es um »Verregelung« geht. Wir haben lange im Kurator*innen-Team darüber nachgedacht, was das eigentlich bedeutet. Doch Regeln setzen einen Rahmen, in dem man sich abgesichert bewegen kann. Regeln werden ständig befragt und eventuell überarbeitet. Ein kritisch-reflexiver Umgang damit ist wichtig. Aus diesen Überlegungen sind die Arbeiten zu dem Code of Conduct entstanden.   

Wie ist Ihr Selbstverständnis als Leitung des Sportmuseums im Hinblick auf dessen gesellschaftliche Funktion?

Das Tolle an einem Sportmuseum ist grundsätzlich, dass Sport niedrigschwellig ist und alle Menschen anspricht. Gleichzeitig definieren Museen sich mittlerweile als dritte Orte, als Dialograum, als Raum für Auseinandersetzungen. Das passt sehr gut zusammen mit dem Gedanken des Sports. Er ist dicht verwoben mit gesellschaftlichen Fragen, wie etwa Pluralismus oder Diversität, und zwar sowohl historisch als auch aktuell. Es geht um Fragen wie: Wer darf mitspielen? Wer wurde in der Vergangenheit, und wer wird heute ausgeschlossen? Dieses Teilhabe-Ausschluss-Prinzip, das wir aus dem Sport kennen, ist auch gesamtgesellschaftlich relevant. Es geht schließlich auch um die Auseinandersetzung darüber, wessen Geschichten wir erzählen wollen und warum. Ich fühle mich als Leitung des Sportmuseums einer inklusiven Geschichte verpflichtet, und der Frage, wie eine demokratische und gegenwartsbezogene Geschichtsvermittlung aussehen kann.

Ein Verhaltenskodex im Sinne einer ethisch-moralische Handlungsempfehlung ist in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung. Wie haben Sie den Erarbeitungsprozess organisiert?

Wir haben uns andere Häuser angeschaut und überlegt, was auch für uns passend sein könnte. Das ist ein Diskussionsprozess im Team. Was der Kodex auf jeden Fall beinhalten wird, ist eine diskriminierungsfreie Sprache. Mir ist es vor allem aber wichtig mit den rechtlichen Grundlagen zu beginnen und deutlich zu machen, dass das nichts ist, was wir uns als Museum ausgedacht haben. Demokratie hat einen klaren rechtlichen Rahmen, dazu gehört das Grundgesetz, dazu gehören aber auch Antidiskriminierungsgesetze. Das ist der normative Boden auf dem wir uns politisch bewegen. Dafür haben Menschen hart gekämpft.

Hatten Sie in Grünau bereits konkrete Situationen, wo Sie sich eine vorherige klare Regelung gewünscht hätten?

Bisher hatten wir noch keine Situation, die ich als prekär bezeichnen würde. Aber im Olympiapark haben wir eine andere Ausgangslage, weil es sich hier um einen absolut nationalsozialistisch kontaminierten Ort handelt. Im Moment scheinen sehr viele Menschen zu vergessen, was Demokratie ist, und dem müssen wir gerade an diesem Ort durch klare Regeln etwas entgegensetzen.   

Holen Sie sich Rechtsbeistand von außen?

Als Teil der Senatsverwaltung für Inneres und Sport haben wir hier ein Grundsatzreferat. Es macht absolut Sinn sich diesbezüglich mit den Jurist*innen zusammenzusetzen. Ich war lange vor meiner Leitungsstelle in einer Forschungsgruppe zu »Recht, Geschlecht und Kollektivität« als Wissenschaftlerin tätig und habe die rechtswissenschaftliche Art und Weise zu denken sehr zu schätzen gelernt.

Wird der Code of Conduct auch konkrete Regelungen und Handlungsanweisungen enthalten? Welche Maßnahmen sind vorgesehen, damit er im Alltag wirksam wird?

Es gibt einerseits einen normativen Rahmen, der wäre dann sehr orientiert an unserer Besucher*innenordnung, d.h. konkret: das Museum ist kein Ort für Rechtsextremismus, Gewalt etc. Wenn dagegen verstoßen wird, müssen wir das Hausrecht ausüben.

Andererseits gib es das, was Sie ethisch-moralische Handlungsempfehlung genannt haben. Es geht darum, welchen Raum wir etablieren wollen, um eine Lösung zu finden im Konfliktfall. Das ist ein wichtiger Punkt, aber hier habe ich noch keine Antwort und wir müssen das im Team diskutieren.

Welche Strategien können oder sollten Museen entwickeln, um sich in gesellschaftspolitisch herausfordernden Zeiten resilienter aufzustellen?

Ich fange mal durch eine Hintertür an: der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat letztes Jahr eine Studie durchgeführt und ein Gutachten erstellt, wie sich Vereine besser aufstellen und damit ihre Satzung resilienter gestalten können. Gerade Vereinssatzungen waren bis dato sehr anfällig. Das wissen wir auch aus dem Nationalsozialismus. Die Sportvereine waren damals die ersten, die jüdische Mitglieder ausgeschlossen haben, indem sie einfach die Vereinssatzungen geändert haben. Und auch in Thüringen ist es inzwischen ein echtes Problem, weil die Vereine torpediert werden von der AfD. Das hat mich dazu veranlasst, noch mal genauer hinzuschauen, was der normative Rahmen beinhaltet, innerhalb dessen wir uns bewegen. Von da aus werden wir überlegen, wie die moralisch-ethische Haltung des Museums darauf aufbaut. Wir befinden uns in nach wie vor in einer demokratischen Rechtsstaatlichkeit und sollten diese auch für uns nutzen.