Das Interview mit Dr. Sarah Bornhorst, Kuratorin Zeitzeugenarbeit und Oral History, Stiftung Berliner Mauer, führte Journalistin Anne Haun-Efremides am 10. Dezember 2025.

Die Stiftung Berliner Mauer setzt stark auf die Zusammenarbeit mit Zeitzeug*innen. Warum und in welchen Bereichen setzen Sie sie ein?

Das Besondere an der Arbeit mit Zeitzeug*innen ist, dass man im Idealfall einen alltagshistorischen Zugang zu den jeweiligen Themen erhält. Durch Zeitzeug*innen kann man Handlungsstrategien, Umgangsweisen und Herausforderungen von Menschen nachvollziehbar machen, die andere historische Quellen nicht abbilden. Es ist außerdem wichtig, denjenigen eine Stimme zu geben, die ansonsten nicht zu Wort kommen und ihre Erinnerungen aufzubewahren. Es geht um Alltagsgeschichte im besten Sinne und eine Diversifizierung der Stimmen für unser Archiv. Zeitzeug*innen spielen zudem eine ganz wichtige Rolle in der Bildungsarbeit und bei Gedenkveranstaltungen.

Zeitzeug*innen haben eine hohe Glaubwürdigkeit. Welche Schwierigkeiten können sich daraus ergeben?

Bei Schüler*innen birgt das Sprechen mit Zeitzeug*innen die Gefahr der Überwältigung, weil sie die Aura vermitteln, besonders authentisch zu sein. Der Anspruch, dass Zeitzeug*innen erzählen, wie es damals wirklich war, muss ebenfalls in Anführungszeichen gesetzt werden, denn sie reagieren in den Interviews, die wir mit ihnen führen, natürlich auf uns als Institution und positionieren sich dementsprechend. Diesen Konstruktionscharakter muss man immer mitbedenken.

Es gibt auch andere Herausforderungen, zum Beispiel, wenn Zeitzeugen problematische Positionen vertreten oder sich in der Öffentlichkeit rechtspopulistisch äußern. Wie gehen Sie damit um?

Eine Herausforderung vor der insbesondere Gedenkstätten zur DDR-Geschichte stehen, sind Andockungspunkte von Zeitzeug*innen an rechtsradikale Positionen oder Organisationen. Als Gedenkstätte bemühen wir uns sehr um Multi-Perspektivität und Differenzierung, aber unsere Themen sind mitunter auch anschlussfähig für rechte Narrative. Als öffentliche Einrichtung vertreten und vermitteln wir demokratische Werte und haben Schutzfunktionen zum Beispiel gegenüber unseren Besuchenden. Oft ist es eine Herausforderung, zu entscheiden, was eine angemessene Reaktion ist und wir müssen situationsbedingt abwägen, wie wir damit umgehen.

Wie funktionieren diese Entscheidungsprozesse?

Wir diskutieren im Team, welche Möglichkeiten wir haben und welche verlässlichen Regelungen es gibt. Ein Interview mit einer Person, die auch problematische Thesen vertritt, ist etwas anderes, als diese Person dann vor eine Schulklasse zu stellen. Wir haben auch Projekte gehabt, bei denen wir bewusst entschieden haben, Interviews mit Leuten zu führen, die unterschiedliche Parteien wählen und haben das dann transparent gemacht. Bei Schulklassen und öffentlichen Veranstaltungen müssen wir dafür Sorge tragen, dass keine demokratiefeindlichen, rassistischen, antisemitischen, queerfeindlichen oder sexistischen und islamfeindlichen Positionen vertreten werden.

Haben Sie hier hausintern eine konkrete Regelung?

Wir arbeiten noch an einer konkreten Leitlinie, wie wir uns im Einzelnen verhalten. Und natürlich birgt auch ein Interview Herausforderungen, wenn wir davon beispielsweise Auszüge in Ausstellungen oder in Multimedia-Guides verwenden. Wir müssen zwar nicht hundertprozentig mit den Aussagen der interviewten Person übereinstimmen oder können problematische Aussagen einfach nicht verwenden, aber wir geben dieser Person eine öffentliche Bühne. Wo setzt man an? Wo zieht man die Grenze? Das sind wirklich schwierige Diskussionen, die wir verstärkt führen müssen.

Als Institution sind wir Unterzeichnerin der Berliner »Erklärung der Vielen« und machen dadurch klar, dass wir kein Podium für völkisch-nationalistische Propaganda bieten. Der permanente Dialog ist wichtig. Bei einigen Situationen gibt es Handlungsspielraum, bei anderen nicht.

Holen Sie sich zusätzlich Hilfe von außen?

Wir haben schon mit einer Agentur zusammengearbeitet und auch an einer kollegialen Beratung im Rahmen einer Tagung des Berliner Museumsbundes teilgenommen. Der Austausch mit Kolleg*innen anderer Häuser ist sehr wichtig. 

Kennen Sie ähnlich Probleme auch aus anderen Gedenkstätten?

Dass Zeitzeug*innen sich rechtsradikal oder völkisch-nationalistisch äußern, betrifft tatsächlich eher die Gedenkstätten mit DDR-Bezug. Bei Gedenkstätten mit NS-Bezug ist die Situation ein wenig anders gelagert. Vor ein paar Jahren waren zum Beispiel in Sachsenhausen AfD-Besuchergruppen, die Guides verbal angegangen und die Fakten in Frage gestellt haben.

Sie hatten auch einen Fall, in denen Sie einen Zeitzeugen schützen mussten.

Ja, wir hatten einen Fall, wo einem Zeitzeugen, der bei uns auch in der Bildungsarbeit aktiv ist und vor einer Schulklasse über sein Engagement in der homosexuellen Bürgerrechtsbewegung in der DDR gesprochen hat, von der Lehrerin „homosexuelle Propaganda“ vorgeworfen wurde. Hier waren wir in der Situation, dass wir uns schützend vor den Zeitzeugen gestellt haben. Je mehr wir unsere Themen öffnen, müssen wir mit solchen Angriffen rechnen und Zeitzeug*innen schützen, indem wir ein klares Statement setzen.

Wie haben Sie in diesem speziellen Fall reagiert?

Unsere Direktion hat an die Schule geschrieben und deutlich gemacht, dass es sich hier um eine Diskriminierung unseres Zeitzeugen handelt und wir uns als Institution entschieden dagegenstellen. Das ist eine zentrale Voraussetzung, um unsere Themen, unser Archiv und unsere Bildungsarbeit entsprechend öffnen zu können.

Das Perfide daran war, dass die Klassen immer vorab Hintergrundinfos zu den entsprechenden Zeitzeugen bekommen, damit die Schüler*innen sich auf das Gespräch vorbereiten können. Das heißt, es war klar, um welches Thema es gehen wird und die Lehrerin hätte im Vorfeld ablehnen können. Sie hat es also offenbar bewusst auf die Konfrontation angelegt. 

Was nehmen Sie mit aus den bisherigen Erfahrungen?

Wir arbeiten an einem Code of Conduct für unser Haus und versuchen Leitlinien zu entwickeln. Wir haben aus den Erfahrungen gelernt, dass es wichtig ist eine Basis zu schaffen, die den Mitarbeiter*innen Sicherheit gibt und sie wissen, wie sie sich in Konfliktsituationen verhalten können. Es geht auch darum klar zu kommunizieren, was im Sinne der Stiftung ist, um im Zweifelfall eine entsprechende Rückendeckung zu haben.

Wichtig sind solidarische Zusammenschlüsse, wie zum Beispiel die »Erklärung der Vielen«. Außerdem ist ein Austausch der Häuser untereinander essentiell. Es ist hilfreich Ansprech- und Diskussionsmöglichkeit zu haben, um ein Problembewusstsein entwickeln zu können. Beratungen von außen helfen zusätzlich. Grundsätzlich müsste es ein stärkeres politisches Bewusstsein dafür geben, dass dies Themen sind, die die Institutionen beschäftigen und wir mehr Raum brauchen, um darüber nachdenken zu können.