Das Interview mit Dr. Matthias Henkel, Leiter des Museums Neukölln & Leiter des Fachbereichs Museum, Stadtgeschichte, Erinnerungskultur im Bezirksamt Neukölln, führte Journalistin Anne Haus-Efremides am 8. Dezember 2025.
Sie leiten sowohl das Museum Neukölln als auch den bezirklichen Fachbereich Museum, Stadtgeschichte und Erinnerungskultur. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Matthias Henkel: Meine Vision für unsere Museumsarbeit in Bezug auf die Erinnerungskultur lässt sich am treffendsten mit den folgenden Worten beschreiben: wir sind aktiv, aber nicht aktivistisch. Als Fachbereich ist das Museum in alle erinnerungskulturellen Fragen in dem von Diversität geprägten Bezirk Neukölln aktiv eingebunden. Das Spektrum reicht von der Aufarbeitung der NS-Zeit, die Sichtbarmachung postkolonialer Strukturen bis hin zur Moderation postmigrantischer, transkultureller Diskurse. Wir unterstützen darüber hinaus das zivilgesellschaftliche Engagement für erinnerungskulturelle Fragestellungen und sind die zentrale Anlaufstelle für das Stolpersteine-Projekt im Bezirk Neukölln.
Sie setzen gezielt auf den Dialog mit der Stadtgesellschaft. Das ist in einem Bezirk wie Neukölln eine vielschichtige Herausforderung. Wie gehen Sie diesen Dialog an?
In der Tat: Wir arbeiten eng mit anderen kulturellen Institutionen im Bezirk, wie der Volkshochschule und drei Schulen – eng zusammen. Dadurch sind wir institutionell nicht nur in die Ausbildungsphase, sondern auch in die Erwachsenenbildung involviert. Inzwischen haben wir hier ein festes Format entwickelt, das wir »Museum im Dialog« nennt. Die Debattenkultur in Deutschland erscheint mir momentan zerrüttet; jede gesellschaftliche Interessengruppe verfängt sich in der jeweils eigenen Blase. Museen genießen hingegen großes Vertrauen in der Gesellschaft und sollten sich vor diesem Hintergrund als geschützte Räume für Debatten anbieten und öffnen – diese insbesondere für Themencluster, die sich auf die eine oder andere Weise in ihren Sammlungen spiegeln. Dabei geht es mir nicht darum, nur einen Ort der Begegnung zu schaffen, sondern als Institution die Moderation bezirklicher Diskurse zu übernehmen, um damit den unterschiedlichen, demokratisch verankerten Positionen Raum zu geben.
Gelingt die Moderation? Welche Konflikte gibt es und wie gehen Sie damit um?
Bei unserem großen Projekt zum Thema Kolonialismus, bei dem es im Zusammenhang mit dem sogenannten »Hererostein« um die Aufarbeitung der deutsch-namibische Geschichte ging, war es uns wichtig – über den Dialog mit der Stadtgesellschaft hinaus – mit Vertreter*innen der »affected communities« in Namibia in Kontakt zu treten. Dem kolonialen Blick des Gedenksteins haben wir in unserer Ausstellung BURIED MEMORIES die dekolonisierte Perspektive einer namibischen Künstlerin gegenübergestellt und so eine emotionale Bühne eröffnet, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich glaube, wir müssen stets bemüht sein, den eigenen Tunnelblick in Frage zu stellen, um wirklich die gesamte Breite des möglichen Handlungsspielraums erkennen zu können.
Sie arbeiten eng mit Schulen im Bezirk zusammen. Was beinhaltet diese Vermittlungsarbeit?
Wir sind eines der wenigen Museen, das dezidiert mit der Bildungsarbeit in Schulen verbunden ist und haben das Glück, mit insgesamt drei Schulen in Neukölln institutionell verbunden zu sein. Unsere Strategie ist es, den Stadtraum als geschichtsträchtigen Ort kenntlich zu machen und dies auch proaktiv zu vermitteln. Vor diesem Hintergrund entstand – an einem historisch-authentischen Ort – gemeinsam mit der Clayschule in Rudow eine Dependance des Museums Neukölln: Das »Lern- und Gedenklabor zur NS-Zwangsarbeit in Rudow«. Darüber hinaus kooperieren wir über Lehraufträge mit verschiedenen Hochschulen in experimentellen Projekten.
Es geht uns darum, nicht nur über Toleranz zu sprechen, sondern sie auch im Dialog selbst zu üben. Seit vier Jahren begleiten wir einen bereits seit über einem Jahrzehnt bestehenden Schulaustausch zwischen Neukölln und Windhoek/Namibia mit unterschiedlichen Formaten zur Dekolonisierung. Das ist für uns eine großartige Möglichkeit mit der zukünftigen Generation aus Neukölln und Namibia gemeinsam in einen Dialog zu treten. Das sind für alle Beteiligten sehr bewegende Begegnungen, die hoffentlich auch nachhaltige Bildungserlebnisse generieren.
Kommen Sie manchmal an Ihre Grenzen?
Bislang zum Glück noch nicht. Aber: Was wir tun, geht über das klassische Instrumentarium des Museums hinaus. Das ist natürlich mit Anstrengungen verbunden. Gerade aber die Nutzung performativer oder künstlerischer Elemente ermöglicht es, einen emotional approach zu erzielen. Als Museum dokumentieren wir nicht nur historische, soziale und kulturelle Prozesse, sondern versuchen auch, uns in die Bewältigung sozialer Herausforderungen proaktiv einzubringen.
Museen verstehen sich zunehmend als soziale Orte. Was bedeutet das für die Praxis?
Sie sprechen das Konzept der dritten Orte (Ray Oldenburg) an… Ich verstehe das Museum Neukölln eigentlich als einen vierten Ort. Es geht uns nicht nur darum, einen Raum für Begegnung zu schaffen, sondern tatsächlich in den Dialog hineinzutreten und unterschiedliche Positionen miteinander ins Gespräch zu bringen. Wir sind ein Museum für die Menschen und mit den Menschen. Das ist – sozusagen – die vierte Ebene von Örtlichkeit.
Welche nachhaltigen Methoden können Museen helfen den Dialog aufrecht zu halten?
Wir brauchen – als Gesellschaft – eine intrinsische Motivation, um ins Handeln zu kommen. Museen haben das Potenzial, Menschen zu berühren und ihnen Themen und Fragestellungen näher zu bringen. Dieses Potential sollten wir nutzen und weiter ausbauen – insbesondere in Zeiten zunehmender Polarisierung. Wir versuchen mit unserer Arbeit im Museum Neukölln die Qualität authentischer Quellen und Inhalte lebendig werden zu lassen. Ich nenne das die Brücke der Relevanz, die von der Vergangenheit in die Gegenwart und in die Zukunft greift. Heute fokussieren sich öffentliche Diskurse eher auf das Trennende als auf das Verbindende. Über eine emotionale Annäherung, sowohl inhaltlich als auch in der Ausstellungsgestaltung, lässt sich jedoch eine verbindende soziale Energie entwickeln, mithilfe der sich für Museen eine Chance ergibt, demokratische Diskurse und Integration zu stärken. Der deutsch-indische Philosoph Ram Adhar Mall hat in einem Artikel einmal davon gesprochen, dass wir unseren Fokus auf die Entdeckung kultureller Überlappungen – anstatt auf das Trennende – setzen sollten; diesen Begriff trage ich in meiner Museumsarbeit in meinem Herzen und in meinem Hinterkopf.
