,Das Interview mit Marie Kube, Leitung Kommunikation und Presse, und Anna Falck-Ytter, Leitung Kommunikation und Marketing, bei den KW Institute for Contemporary Art,  führte Journalistin Anne Haun-Efremides am 9. Dezember 2025.

Im Rahmen Ihrer Eröffnung der Ausstellung »Poetics of Encryption« vergangenes Jahr waren Sie mit einer sehr herausfordernden Situation konfrontiert. Worum ging es dabei?

Marie Kube: Im Februar 2024 standen die KW Institute for Contemporary Art kurz vor der Eröffnung ihrer Gruppenausstellung Poetics of Encryption mit 40 internationalen Künstler*innen. Doch die Vorfreude mischte sich mit einer spürbaren Anspannung. Mit der Eskalation in Nahost seit dem 7. Oktober 2023 sehen sich öffentlich geförderte Kulturinstitutionen in Deutschland einem Druck von Protestbewegungen konfrontiert. Aktivist*innen fordern eine klare politische Haltung und eine Positionierung gegen den Kurs der Bundesregierung hinsichtlich Israel. Vor diesem spannungsgeladenen Hintergrund standen wir also vor der Aufgabe, unsere Eröffnung zu realisieren.

Was genau ist passiert?

Marie Kube: Wir fanden uns inmitten dieser politischen Verwerfungen wieder, was uns zwangsläufig vor eine grundlegende Frage stellte: Inwieweit können, müssen oder dürfen wir als eine durch öffentliche Gelder finanzierte Kulturinstitution überhaupt – über unser Ausstellungsprogramm hinaus – politisch Stellung beziehen? Der Druck, der auf uns lastete, kam dabei von verschiedensten Seiten.

Anna Falck-Ytter: Die Herausforderung war in der Tat vielschichtig. Wir erhielten Drohbriefe und sahen uns täglichen E-Mail-Wellen ausgesetzt; im Netz kursierten sogenannte Open-Source-Listen, die Institutionen nach ihrer vermeintlichen politischen Ausrichtung klassifizierten, und auch in den sozialen Medien herrschte eine enorme Dynamik. Diese angespannte Gemengelage ist keineswegs überwunden, sondern prägt unseren Alltag in unterschiedlichen Ausprägungen bis heute.

Wie sind Sie im Team mit der Situation umgegangen?

Anna Falck-Ytter: Zwar verfügte unser Haus bereits über einen fundierten Code of Conduct, doch die Entwicklung einer daraus abgeleiteten, praxistauglichen Krisenstrategie war unumgänglich. Als Institution für zeitgenössische Kunst verstehen wir es als unsere Mission, eine Plattform für eine Vielfalt an Stimmen zu bieten und dabei Räume für alle offenzuhalten. Wir haben daher einen detaillierten Handlungsplan erarbeitet, intensive Gespräche innerhalb des Teams geführt und zugleich den engen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen anderer Häuser gesucht.

Welche Aufgabe kam Ihnen als Kommunikationsteam zu und welche Rolle spielte die Tatsache, dass Sie als Doppelspitze das Kommunikationsteam leiten?

Anna Falck-YtterDas Profil unserer Arbeit in der Kommunikationsabteilung hat sich in dieser Zeit stark gewandelt. Dass wir als Doppelspitze agieren, erwies sich in der Krisenkommunikation als entscheidender Vorteil, um für das Haus sorgfältig durchdachte Ergebnisse aus gemeinsamen Überlegungen zu erzielen. Wir etablierten einen kurzfristig handlungsfähigen Krisenstab, der alle relevanten Ebenen der KW und der Berlin Biennale vernetzte – von den Direktionen über die kuratorischen Büros bis hin zum Besucher*innenmanagement und Sicherheit. Dies ermöglichte uns eine präzise Abstimmung aller Maßnahmen, sowohl nach außen und innen als auch im Dialog mit Partner*innen und Künstler*innen.

Gab es Künstler*innen, die ihre Arbeit aus der Ausstellung zurückgezogen haben?

Marie Kube: Nach vielen Gesprächen zogen von 40 Künstler*innen nur zwei ihre Teilnahme an der Gruppenausstellung zurück. Diese Absagen richteten sich nicht unmittelbar gegen unsere Institution, sondern waren als Protest gegen die Haltung der deutschen Politik im Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser*innen zu verstehen. Wir haben uns entschieden, diesen Dissens sichtbar zu machen. In enger Absprache mit den Künstler*innen entwickelten wir ein Kommunikationskonzept, in dem wir sie weiterhin als Teil der Gruppenausstellung nannten und wo wir darauf verwiesen, dass sie auf eigenen Wunsch hin nicht mehr Teil des Projekts sind. Die Werke wurden in Transportkisten ungeöffnet in den Ausstellungsräumen positioniert.

Wie haben Sie sich auf die Eröffnung vorbereitet?

Anna Falck-Ytter: Der Aufbau von belastbaren Strukturen und Leitlinien in Krisensituation ist ein Prozess, der heute sehr gut durch externe Expertise begleitet werden kann. Es gibt Agenturen und Awareness-Teams, die professionelle Mediationsarbeit leisten. Für die Eröffnung zogen wir ein externes Awareness-Security-Team hinzu und sind gemeinsam konkrete Szenarien durchgegangen, um Handlungsanweisungen für das Team und die Besucher*innenbetreuung zu definieren. Das Wissen um mögliche Protestformen und adäquate Reaktionen schafft Sicherheit, um das Wohlbefinden und den Schutz aller Anwesenden zu gewährleisten. Dies hat für uns stets oberste Priorität.

Wie ist die Eröffnung dann verlaufen?

Marie Kube: Letztlich verlief die Eröffnung störungsfrei. Dennoch war es im Rückblick absolut sinnvoll, auf alle Eventualitäten vorbereitet gewesen zu sein.

Was nehmen Sie aus dieser Erfahrung mit?

Anna Falck-Ytter: Es ist essenziell, sich über den Auftrag und die Haltung des eigenen Hauses im Klaren zu sein, um derartigen Situationen souverän begegnen zu können. Eine fundierte Vorbereitung in allen Belangen ist grundsätzlich hilfreich, um Herausforderungen bestmöglich zu meistern. Man lernt mit jeder Erfahrung dazu und entwickelt allmählich auch eine gewisse emotionale Resilienz.

Marie Kube: Unsere Rolle als Kommunikationsleitung hat sich indes gewandelt. Krisenkommunikation ist nun ein integraler Bestandteil unserer täglichen Arbeit und verändert das professionelle Tätigkeitsfeld nachhaltig. Das spiegelt sich mittlerweile auch in Stellenausschreibungen wider: Kompetenzen im Krisenmanagement gehören heute zum festen Anforderungsprofil.

Wie schätzen Sie generell die aktuelle gesellschaftspolitische Situation ein? Wie steht es um die Kunst- und Institutionsfreiheit?

Anna Falck-Ytter: In unserer digital vernetzten Gesellschaft entwickeln Konflikte eine ganz andere Brisanz und Geschwindigkeit. Themen werden unmittelbarer auf einer persönlichen Ebene ausgetragen, und Algorithmen verleihen politischen Statements oder Provokationen rasante Sichtbarkeit, was zu einer stark meinungsgetriebenen Debattenkultur im Netz führt. Wenn wir Ausstellungen zu politisch sensiblen Themen zeigen, müssen wir uns heute bewusst sein, dass dies zu einem Backlash führen kann und uns entsprechend vorbereiten. Gerade deshalb ist es wichtig, Offenheit zu wahren. Kulturelle Räume sind in diesen Zeiten unerlässlich, da sie einen Gegenpol zur einseitigen, digitalen Landschaft bieten.

Welche zusätzliche Unterstützung von außen, vor allem seitens der Politik würden Sie sich wünschen?

Marie Kube: Anstatt uns mit wachsenden Budgetkürzungen und Stellenabbau zu konfrontieren, sollte die Politik Kulturinstitutionen einen höheren Stellenwert einräumen, damit diese sich in gesellschaftspolitisch schwierigen Zeiten besser aufstellen können. Wir können nicht alle Herausforderungen rein intern bewältigen, sondern benötigen professionelle Beratung und Fortbildungen – und das kostet Geld. Ganz grundsätzlich wäre eine generelle Finanzierungssicherheit entscheidend, um Projekte präziser und mit mehr Vorlauf planen zu können.