Das Interview mit Marco Barsda Oft, Leitung Fachteam Marketing und externe Kommunikation, Stiftung Stadtmuseum Berlin, führte Journalistin Anne Haun-Efremides am 11. Dezember 2025.

Sie hatten kürzlich eine Veranstaltung, bei der es zu einer sehr herausfordernden Situation gekommen ist. Worum ging es?

Im Rahmen unserer Ausstellung »Berlin Global« im Humboldt Forum haben wir anlässlich des UN-Kinderrechtetags unter anderem drei Kinderbuchlesungen mit Drag Queens veranstaltet. »Drag Story Hour« ist ein bekanntes Format und kommt aus den USA. Wir haben das schon öfter bei uns gemacht. Dieses Jahr war es aber so, dass wir eine Woche vorher über eine Demonstration der Partei AfD gegen diese Lesung informiert wurden, die direkt am Humboldtforum angemeldet worden war unter dem Motto: »Finger weg von unseren Kindern«.

War das der erste Zwischenfall im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe?

Vor einem Jahr gab es auf einem Blog schon mal eine rechtspopulistische Äußerung zu einer solchen Lesung, aber darüber ist es nicht hinausgegangen. Jetzt waren wir mit einer angemeldeten physischen Demonstration konfrontiert und einer Kampagne der AfD auf Social Media, in der zur Teilnahme aufgerufen wurde. Aufhänger war, dass einige Wochen zuvor die Verurteilung eines Berliner Drag-Künstlers wegen Verbreitung kinderpornografischer Inhalte bekannt geworden ist und dadurch ein verunglimpfender Generalverdacht gegenüber allen Drag Artists konstruiert werden sollte.  

Wie waren Sie auf die Situation vorbereitet?

Die Kulturszene wird immer öfter unter Druck gesetzt durch Protest-Aktionen, Störungen und Demonstrationen im Rahmen von Veranstaltungen oder Ausstellungen. Für uns ist Krisen-PR seit ungefähr eineinhalb Jahren ein Thema und wir haben uns damals bereits externe Beratung von der Berliner Agentur »Kulturbotschaft« geholt. Als jetzt diese Demonstration angemeldet und über Social Media dafür mobilisiert wurde, war uns klar, dass wir sofort handeln müssen.

Gibt es ein Deeskalationsteam im Haus oder war das die Aufgabe der Kommunikationsabteilung?

Wir sind ein relativ großes Kommunikationsteam und konnten daher tatsächlich die Hälfte des Teams mobilisieren, an der Deeskalation zu arbeiten. Natürlich in enger Absprache mit den Kolleg*innen aus dem Programmbereich und der Museumsleitung.

Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen?

Erstmal haben wir die Drag Performer*innen gefragt, ob sie die Lesung überhaupt noch durchführen wollen. Sie sagten, dass sie solche Situationen gewöhnt sind und es machen wollen, weil sie sich mit uns sicher fühlen. Daraufhin haben wir auf Leitungsebene entschieden, die Veranstaltung wie geplant durchzuführen. Zunächst bereiteten wir dann in sehr kurzer Zeit ein Statement vor. Wir überlegten, was die kommunikative Zielsetzung dieser Demonstration ist, wie wir uns als Kultureinrichtung dazu positionieren und unsere Haltung der Öffentlichkeit vermitteln sowie möglichen Anfeindungen begegnen können.

Das Statement haben wir sowohl auf Social Media und unserer Website veröffentlicht als auch als Pressemitteilung rausgegeben. Wir konnten dazu ein Interview unserer Direktorin in einer großen Berliner Tageszeitung vermitteln.

Noch am selben Tag wurde eine Gegen-Demonstration des Vereins »Die Vielen« angemeldet, die sich für Kunstfreiheit und Vielfalt positioniert hat. Am Ende haben an der Demo der »Vielen« fast zehnmal so viele Menschen teilgenommen, wie an der der AfD.

Sie haben sich auch Hilfe von außen geholt. Was hat geholfen?

Wir haben erneut mit der Agentur »Kulturbotschaft« zusammengearbeitet. Uns hat sehr geholfen, dass unsere Ansprechpartnerin von der Agentur alle möglichen Szenarien skizziert und auch die jeweiligen Handlungsstrategien aufgezeigt hat, wie wir darauf reagieren können.

Was ist am Ende passiert?

Letztlich ist es nicht zu einem Shitstorm im klassischen Sinne gekommen, vielleicht auch, weil wir so schnell unser Statement veröffentlicht haben. Damit konnten wir die Community und Unterstützer*innen aktivieren, die dann online selbst auf negative Kommentare reagiert haben. Wir haben das beobachtet, mussten aber nicht selbst eingreifen und hetzerische Aussagen kommentieren oder löschen.

Auch die Veranstaltung war erfolgreich und sehr gut besucht. In einem größeren Beitrag der RBB-Abendschau haben sich die Besucher*innen positiv geäußert. Durch meine Kolleg*innen von Outreach und Vermittlung weiß ich, dass die Veranstaltung bei allen Beteiligten gut angekommen ist. Letztlich war es ein achtstündiges Programm mit zahlreichen Workshops und die Lesungen waren nur ein Teil davon. Darüber hinaus haben wir hausintern viel positives Feedback erhalten.

Haben Sie im Vorfeld der Veranstaltung nochmal das Gespräch mit dem Publikum gesucht? Welche weiteren Maßnahmen wurden ergriffen?

Wir haben vor Ort Handzettel verteilt und die Besuchenden über die Hintergründe der Veranstaltung und die Begleitumstände informiert.

Für die Veranstaltung selbst haben wir dann besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen, weil die beiden Drag Queens zur Angriffsfläche gemacht wurden. Es gab zum Beispiel Taschenkontrollen am Eingang und wir haben zusätzlich ein externes Awareness-Team gebucht. Für alle Beteiligten, Mitarbeitenden, das Publikum und insbesondere die Kinder sollte eine sichere Atmosphäre geschaffen werden.

Wie sind Sie auf das Awareness-Team gekommen?

Das war die Empfehlung einer anderen Berliner Kultureinrichtung. Die Kulturszene hat in den letzten Jahren in Sachen Konfliktprävention einiges dazugelernt. Es ist auf jeden Fall hilfreich, sich mit Kolleg*innen anderer Museen darüber auszutauschen, wie man sich vorbereiten kann oder muss, und wer verlässliche Partner in schwierigen Situationen sind.

Wir hatten außerdem den Vorteil, dass unsere Veranstaltung im Humboldt Forum stattgefunden hat und das Thema Sicherheit dort gelagert war. Wir vom Stadtmuseum haben die Öffentlichkeitsarbeit übernommen. Es gab eine klare Aufgabenteilung und großes gegenseitiges Vertrauen.

Wie empfinden Sie die gesellschaftspolitische Situation in Berlin und inwieweit wirkt sich diese auf Ihre Arbeit aus?

Wir merken deutlich, dass die Zeiten rauer werden. Generell wird stark polarisiert und die Empörungsmechanismen, die man aus Social Media oder manchen Medien kennt, werden jetzt auf unser Programm angewandt. Die Kultur steht unter einem zunehmenden öffentlichen Druck. Ich hoffe, dass sich die Kulturinstitutionen nicht einschüchtern lassen und aus Angst vor Konflikten nur noch Wohlfühlprogramme fahren. Das wäre ein Schreckensszenario. Deshalb war es so wichtig, dass wir unsere Veranstaltung nicht abgesagt, sondern deutlich kommuniziert haben: Wir stehen dahinter.

Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Museumsforschung genießen Museen immer noch großes Vertrauen in der Gesellschaft. Wie hält man dieses Vertrauen aufrecht?

Vertrauen gewinnt man, indem die Menschen wissen, worauf sie sich verlassen können und man eine klare Haltung zeigt. Wir als Stadtmuseum Berlin stehen unter anderem für Vielfalt und für uns ist das Thema Migration sehr wichtig. Allein das könnte schon ein Angriffspunkt sein. Von daher kann ich mir vorstellen, dass wir auch in Zukunft mit Anfeindungen umgehen müssen. Wenn man sich als Institution aber klar positioniert, gibt das Halt besonders in den aktuell schwierigen Zeiten. Kultureinrichtungen können ein Zufluchtsort sein, sei es, weil sie Unterhaltung bieten oder valide Hintergründe zu komplizierten und politischen Themen liefern.

Was nehmen Sie aus dieser Erfahrung mit? 

Dass es sich lohnt, für etwas einzustehen und zu kämpfen, aber dies auch sehr viel Arbeit bedeutet. Diese wiederum lässt sich nur leisten mit gegenseitigem Vertrauen und kurzen Entscheidungswegen. Man muss im Krisenfall schnell reagieren können, womit sich gerade große Kultureinrichtungen manchmal etwas schwertun. Man braucht eine klare Aufgabenverteilung, sollte den Austausch mit anderen Museen suchen und nicht scheuen, auch professionelle Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen.