Ihr beruflicher Weg hat Sie über verschiedene Stationen in Wissenschaft, kuratorischer Praxis, Stiftungswesen und Lehre geführt – zuletzt waren Sie Präsidentin der Hochschule für Gestaltung Offenbach: Was reizt Sie an der neuen Aufgabe am Bauhaus-Archiv besonders – und was dürfen Publikum und Mitarbeitende von Ihrer Leitung erwarten?
Was mich reizt, ist die Mischung aus Museum und Forschungseinrichtung – der Begriff Bauhaus-Archiv steht ja vorne dran und als solches ist die Institution gegründet worden ist. Sie versteht sich aber auch schon lange als Museum für Gestaltung. Mit den neuen Ausstellungsflächen im Neubau von 3.000 qm kommt das noch mehr zum Tragen. Mit Blick auf die Thematik beschäftigt mich die Frage, wie wir den Bauhaus-Begriff, die Bauhaus-Forschung und das Bauhaus als Ideengebäude aktualisieren können – seine Bedeutung für das Heute schärfen, für Hochschulen, für Gestalter*innen und Künstler*innen?
Mir ist wichtig, dass wir im Team auf Augenhöhe miteinander arbeiten, die Themen im Vordergrund stehen und wir die Zukunft des Hauses gemeinsam entwickeln. Auch gegenüber dem Publikum sind Offenheit und Zugänglichkeit für mich zentral. Ich verstehe Museen als eine Art Universität für alle – etwas altmodisch formuliert, ein Ort, wo man kein Abitur braucht, um sich fortbilden zu können. Museen bieten offene Plattformen für ein gesellschaftliches Miteinander, für eine Rückversicherung von Werten, Inhalten, Fakten und Themen.
Im Rahmen unserer Jahrestagung beschäftigen wir uns in diesem Jahr besonders mit dem Publikum der Berliner Museen. In Ihrem Interview mit dem Museumsjournal (2/26) sprechen Sie von „unorthodoxen Ansätzen“, mit denen Sie Ihr Publikum erreichen möchten. Verraten Sie uns mehr darüber?
Ein Beispiel aus meiner bisherigen Arbeit ist die Ausstellung Wälder. Von der Romantik in die Zukunft, die wir in Kooperation dreier Museen in Frankfurt am Main konzipiert haben. Es ist für mich ein wichtiger Ansatz kooperativ zu denken: Für diese Ausstellung haben wir zum Beispiel mit der Dresden Frankfurt Dance Company zusammengearbeitet, die das Thema Wald tänzerisch umgesetzt und Tanzperformances in der Ausstellung gezeigt hat. Parallel dazu ist ein Film in der Natur im Taunus entstanden. Über einen solchen Wechsel der Perspektive werden neue Erkenntnisse und Erfahrungswelten gewonnen werden, die für Besucherinnen und Kuratorinnen gleichermaßen spannend sind.
Zentral beim Thema Publikum ist für mich außerdem der Gedanke des Genius Loci: den Ort ernst zu nehmen, an dem man arbeitet – nicht nur die Sammlung, sondern auch den städtischen und geografischen Kontext sowie die Geschichte des Ortes. Daraus lässt sich vieles ableiten. Nach der langen Schließzeit ist es wichtig als Bauhaus-Archiv zu fragen, wie es sich wieder in Berlin verankern kann – vor allem auch mit seinem Berliner Publikum, neben den internationalen Besucher*innen.
Die Vernetzung der Berliner Museumsmacher*innen ist eines unserer wichtigsten Anliegen. Worüber würden Sie sich in Zukunft gerne stärker mit anderen Museumsmacher*innen austauschen?
Ich würde die Vernetzung gerne im Hinblick auf das Thema Museen und Politik noch intensivieren. Dabei geht es mir nicht um Parteipolitik, sondern um die Frage, was das spezifische Narrativ der Museen ist und mit welcher Botschaft wir uns als Institutionen an die Öffentlichkeit wenden möchten. Geschichte, Kultur und Wissenschaft haben eine gesellschaftliche und soziale Komponente und sind politisch. Was bedeutet das für unser Selbstverständnis? Ich finde, wir müssen zu einer stärkeren Selbstvergewisserung kommen und gleichzeitig zu einer Vergewisserung der Öffentlichkeit, was sie von uns in einer demokratischen Gesellschaft erwarten kann: Faktenwissen, Aktualität der Fragestellungen, Experimentierfreude, Bewusstsein für Geschichte, Gegenwart und Zukunft, um nur einige Punkte zu nennen. Wir haben eine unglaublich reiche Museumslandschaft, und wir sollten diese Stärke deutlich machen.
In unserem Newsletter stellen wir regelmäßig Berliner Museumsmacher*innen vor. Dieses Interview mit Brigitte Franzen erschien in unserem Juni/Juli-Newsletter.
