Lieber Eike, du bist Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in der Gedenk- und Bildungsstätte im Haus der Wannsee-Konferenz. Was macht diese Arbeit für dich aus?

Unser Haus ist auf den ersten Blick eine merkwürdige Shoah-Gedenkstätte, weil die Gewalt nicht direkt präsent ist. Es gibt keine Verbrennungsöfen, keine Gaskammer, kein Massengrab. Der Ort ist abstrakt. Die Inhalte der Massenmord-Besprechung vom 20. Januar 1942 sind zudem verwirrend: Was sollte eine solche Besprechung, wenn der Völkermord schon im Gang war? Hitler war nicht dabei, es treffen sich Staatssekretäre – warum? Und was sind überhaupt Staatssekretäre?

An einer KZ-Gedenkstätte, wo physische Gewalt einst stattfand, scheint mir ein „Nie wieder!“ sofort plausibel: nie wieder Gewalt! Am Wannsee scheint es komplizierter. Der Vernichtungsantisemitismus, der den Teilnehmern der Besprechung zu eigen ist, findet keine direkte Kontinuitätslinie zum Antisemitismus heute. In unserer Bildungsarbeit, die sich an alle Interessierten richtet und im spezifischen auf Berufsgruppen zielt, wollen wir Geschichte vermitteln und Gegenwartsbezüge deutlich machen – das steht vor besonderen Herausforderungen.

Wie wirken sich die aktuellen politischen Entwicklungen, wie der zunehmende Rechtsruck und die Kulturkürzungen, auf eure Arbeit aus?

Die AFD-Fraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus und Bundestag stellten jüngst zu einer Sonderausstellung bei uns, die (u.a.) die Correctiv-Recherchen zum Potsdamer Rechtsradikalen-Treffen im November 2023 thematisierte, Anfragen: Wir hätten mit Steuermitteln gegen sie agitiert, die Shoah relativiert. Rechte Portale wie X, NIUS und Junge Freiheit schlossen sich der Kampagne an, die Berliner Zeitung suggerierte in einer Schlagzeile, dass nach den AFD-Anfragen die „umstrittenen“ Tafeln „weg“ gekommen seien (sie wurden schlicht abgehängt, weil die Laufzeit endete). Einerseits bindet eine solche rechte Kampagne Kapazität – andererseits ist diese Auseinandersetzung ja das, was wir wollen: eine wahrnehmbare Stimme im tagesaktuellen politischen Diskurs sein.

Kürzungen sind das letzte, was wir in dieser Situation vertragen! Im Gegenteil, wir brauchen materiell und inhaltlich den Rückhalt derer, die (Kultur-)Politik in Bund und Land gestalten. Das gilt nicht nur für uns, sondern für alle kulturellen Einrichtungen.

Über welche Themen würdest du dich gerne mit anderen Museumsmacher*innen austauschen?

Gerade lief ich mit Kolleg*innen durch die virtuell wiedererrichtete Große Synagoge in Erfurt, die am 9. November 1938 zerstört wurde. Dieser Rundgang mit VR-Brille war großartig. Wir sprechen mit anderen Museumsmacher*innen zwar über alles, was das Digitale an Herausforderung und Chance mit sich bringt, aber hier können wir, auch angesichts der rasanten Entwicklung, den Austausch vertiefen.

Das VR-Projekt wurde uns im „Erinnerungsort Topf & Söhne“ vorgestellt. Wir besuchten Anfang Juli in Thüringen verschiedene Erinnerungs- und Kulturorte. Es war eindrucksvoll zu sehen, wie deutlich sich die Institutionen, zentral im Eingangsbereich, politisch positionieren: durch das Aushängen eines „Leitbildes“, in dem u.a. Demokratie und Menschenrechte als zentrale Werte hervorgehoben werden, oder durch das Sichtbarmachen der Zugehörigkeit zu einem Netzwerk, das Offenheit und Vielfalt wertschätzt (z.B. die Bündnisse „Weltoffenes Thüringen“ und „Die Vielen“). Dazu sollten wir auch in Berlin den Austausch vertiefen.

In unserem Newsletter stellen wir regelmäßig Berliner Museumsmacher*innen vor. Dieses Interview mit Eike Stegen erschien in unserem Juli-Newsletter.