Liebe Anne, seit 2021 bist du Kuratorin für Outreach am Kunsthaus Dahlem. Was ist für dich das Besondere an dieser Arbeit?

Ich liebe meine Arbeit mit ihren schönen und herausfordernden Seiten. Mein Ziel als Outreach Kuratorin ist es, dauerhafte Kontakte zu Menschen aufzubauen, die von Rassismus oder Ableismus betroffen sind, und gemeinsam Strukturen zu entwickeln, die ihre aktive Beteiligung an der Museumsarbeit ermöglichen. Besonders motiviert mich die gesellschaftlich notwendige Vision, dass das Museum ein Ort für alle sein kann. Outreach erfordert viel Arbeit und baut auf Beziehungen, die historische und kulturelle Verbindungen herstellen. Es bedeutet, Verantwortung für gesellschaftspolitische Diskurse zu übernehmen. Ich schätze es, wenn in Ausstellungen verschiedene Perspektiven aufeinandertreffen, Anknüpfungspunkte gefunden werden und alle voneinander lernen. Wenn dabei Nähe und Zusammengehörigkeit entstehen und Barrieren – sowohl in Bezug auf Kunst als auch zwischen den Menschen – abgebaut werden, ist das für mich ein wertvoller Moment. Ich hoffe, dass solche Begegnungen Diskriminierung abbauen und gesellschaftliche Veränderungen anstoßen. Aus meiner Sicht ist das eine der wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre. Und da ist noch viel Luft nach oben.

Als Sprecherin unserer Fachgruppe Inklusion hast du einen umfassenden Blick auf die Berliner Museen. Wo denkst du stehen die Häuser aktuell bei dem Thema?

Berliner Museen haben im Bereich der Inklusion deutliche Fortschritte gemacht, doch der Weg zur gleichberechtigten Teilhabe für alle Menschen ist noch lange nicht abgeschlossen. Viele Museen haben barrierefreie Zugänge oder spezielle Programme für Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigungen geschaffen, etwa Tastführungen oder Angebote in Deutscher Gebärdensprache (DGS), und sogar inklusive Ausstellungskonzepte entwickelt. Inklusion im Museum bedeutet jedoch mehr als das; es geht auch um die aktive Teilhabe am Museumsalltag und die Sensibilisierung für eine Vielfalt an Lebensrealitäten. In den letzten Jahren hat die Diskussion um die Repräsentation marginalisierter Gruppen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Einige Museen haben begonnen, ihre Sammlungen kritisch zu hinterfragen und Ausstellungen zu kuratieren, die eine breitere Vielfalt an Perspektiven und Themen wie Migration, Rassismus, die Geschichte von queeren Menschen widerspiegeln. Dennoch bestehen nach wie vor erhebliche strukturelle Herausforderungen: Die Diversifizierung in vielen Bereichen sowie die stärkere Einbindung von Menschen mit Beeinträchtigung in die Museumspraxis und Entscheidungsprozesse müssen weiterhin vorangetrieben werden.

Die Kulturkürzungen stellen viele Institutionen vor Herausforderungen. Was bedeuten sie konkret für die Weiterentwicklung der Inklusion in Museen?

Die Einsparungen, die in zahlreichen Bereichen vorgenommen werden, bereiten mir ernsthafte Sorgen und gefährden in erheblichem Maße den unabdingbaren Prozess der Inklusion. Es ist schlichtweg untragbar, dass weiterhin oder sogar wieder in Frage gestellt wird, ob barrierefreie Maßnahmen und inklusive Zugänge zu Ausstellungen den finanziellen Aufwand rechtfertigen, insbesondere im Hinblick auf die vermeintlich geringe Zahl derjenigen, die darauf angewiesen sind. Eine solche Denkweise halte ich für gesellschaftlich gefährlich, und niemand sollte aufgrund finanzieller Erwägungen gezwungen werden, diese Haltung zu vertreten. Denn kulturelle Teilhabe ist ein grundlegendes Menschenrecht, das jedem Individuum ohne Einschränkung zusteht. Es sollte in unser aller Interesse liegen, dieses Menschenrecht aktiv umzusetzen. Schließlich betrifft Inklusion uns alle. Daher müssen wir als Gesellschaft dafür eintreten, Barrieren in jeglicher Form abzubauen und jedem die Möglichkeit zu geben, an der kulturellen Vielfalt teilzuhaben.

In unserem Newsletter stellen wir regelmäßig Berliner Museumsmacher*innen vor. Dieses Interview mit Anne Fäser erschien in unserem April-Newsletter.